Depression als Stressfolgeerkrankung

Stress ist überall und gehört zum normalen Leben: Jede Konfrontation mit äusseren oder inneren Belastungen löst eine sinnvolle Stressreaktion aus. Das Gehirn und der Körper reagieren auf jegliche Herausforderung zur Veränderung mit Stress. Der Alltagsstress ist vielfältig und kann zum Beispiel in steigenden Leistungsanforderungen in Beruf und Freizeit bestehen. Aber auch Beziehungskonflikte, die wachsende Informationsflut und die Beschleunigung des täglichen Lebens können zu Stress führen. Im Rahmen der Stressreaktion mobilisiert der Körper Energie. Dies ermöglicht die Anpassung an die sich ständig ändernden Umweltbedingungen und Anforderungen. Solange eine stressvolle Episode nur von kurzer Dauer ist, kann sie als durchaus gewinnbringend und stimulierend empfunden werden. Normalerweise wird die Stressreaktion wieder zügig beendet. Bei chronischem Stress hingegen kommt die Stressreaktion nicht mehr zur Ruhe. Es kommt zu erhöhten Stresshormonkonzentrationen im Gehirn, was die Entwicklung einer Depression begünstigt. Daher stammt auch die Bezeichnung Stress-Depression. Diese Veranlagung kann sowohl genetisch festgelegt sein als auch beispielsweise durch frühkindliche Erfahrungen, wie Missbrauch oder Vernachlässigung, entstehen.

In der Regel ist nicht der Stress an sich, sondern dessen negative individuelle Bewertung und Verarbeitung krankheitsfördernd

Das negative individuelle Erleben und Verarbeiten des stressreichen Ereignisses oder mehrerer davon (zum Beispiel Todesfall, Umzug, familiäre Konflikte, berufliche Probleme, Arbeitsplatzverlust usw.) kann zur Erkrankung führen.

Die Depression wird heute als Zustand chronischen Stresses verstanden, der in Erschöpfung und dem Gefühl der ständigen Überforderung resultiert. Oft wird versucht, den Alltagsstress zu bewältigen, indem man dagegen angekämpft oder aber resigniert. Beide Varianten sind keine guten Lösungen, denn der Stress bleibt bestehen und schadet auf Dauer weiter der Gesundheit.

Chronischer Stress wird nicht selten von einem zunehmenden Gefühl des Kontrollverlustes über die Situation begleitet. In bestimmten Gehirnregionen (dem so genannten limbischen System, das für die Regulation unserer Gefühle zuständig ist) kommt es hierbei zu einer Überaktivität des für die Emotionsregulation wichtigen Mandelkerns (Amygdala). Auf der hormonellen Ebene kommt es hierdurch zusätzlich zu einer krankmachenden, dauerhaften Aktivierung des Stresshormonsystems (Hypothalamus- Hypophysen-Nebennierenrinden-System = HPA-System). Das Gehirn verliert die Kontrolle über das Stresshormonsystem.

Bei der Depression sind von allen möglichen hormonellen Veränderungen diese Verschiebungen in der Regulation des Stresshormonsystems mittlerweile am besten nachgewiesen. Die Mehrzahl der depressiven Patienten zeigt beispielsweise eine erhöhte Blutkonzentration der Stresshormone. Medikamentöse antidepressive Therapieverfahren, wie z.B. die Pharmakotherapie mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, aber auch psychotherapeutische Verfahren, führen zu einer Normalisierung der krankheitsbedingten Überaktivität des Stresshormonsystems und damit der klinischen Symptomatik.

Neben dem so genannten HPA-System ist ein weiteres Stresssystem betroffen: Depressive Patienten zeigen ausser erhöhten Kortisolwerten eine Fehlregulation des vegetativen Nervensystems (vgl. Abbildung 4) mit einer Erhöhung der Sympathikusaktivität, die zu einer verstärkten Ausschüttung von Adrenalin führt. Die dauerhafte Überaktivierung der Stresshormonsysteme kann schliesslich zu weiteren Veränderungen der Stoffwechselregulation führen, die in den oben erwähnten Erkrankungen Herzinfarkt, Schlaganfall, Osteoporose, Insulinresistenz und Diabetes münden können.

Wir wissen heute, dass alle psychischen Erkrankungen Auswirkungen auf den Körper haben und umgekehrt körperliche Erkrankungen die Psyche stark beeinflussen. Wichtig ist die Erkenntnis, dass psychische Krankheiten auf einem im Gehirn stattfindenden neurobiologischen Krankheitsgeschehen beruhen. Im Falle der Depression ist dies in der Mehrzahl der Fälle die Entgleisung des Stresshormonsystems. Jede psychische Erkrankung ist daher «psychosomatisch» (das heisst körperliche und seelische Anteile spielen eine Rolle) und erfordert eine umfassende und ganzheitliche Behandlung. Am Beispiel der Depression wird dies besonders deutlich.