Medikamentöse Therapie

Medikamentöse Behandlung
Alle zur Behandlung der Depression eingesetzten Antidepressiva sind heutzutage nebenwirkungsarm. Wenn Nebenwirkungen auftreten, sind diese oftmals nur am Anfang und vorübergehend vorhanden. Antidepressiva machen nicht abhängig und verändern nicht die Persönlichkeit. Sie sind keine Aufputschmittel oder Beruhigungsmittel. Therapieziel ist keinesfalls das Zudecken von Problemen. Im Gegenteil: die medikamentöse Behandlung schafft durch die eintretende Besserung oft erst die Grundlage für die Psychotherapie. Richtig eingesetzt sind Antidepressiva wie eine Stütze oder Krücke, die über die Normalisierung des Nervenzellstoffwechsels helfen, die Selbstheilungskräfte wieder zu mobilisieren. Sie sind Hilfe zur Selbsthilfe.

Während bei leichtergradigen Erkrankungsformen mit alleiniger Psychotherapie in der Regel sehr gute Behandlungserfolge erzielt werden können, erfolgt die Behandlung der mittelgradigen bis schweren Depression zusätzlich medikamentös mit Antidepressiva. Der hohe Stellenwert der heutzutage in der Regel nebenwirkungsarmen antidepressiven Pharmakotherapie gerade in der stationären Behandlung schwergradiger Krankheitsverläufe bedeutet keinesfalls, dass die anderen wichtigen Therapiepfeiler, wie z.B. Psychotherapie und sozialpsychiatrische Verfahren, nicht ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen.

Die Medikamente beruhen alle auf dem vor über 50 Jahren von Roland Kuhn in der Schweiz anhand des Trizyklikums Imipramin entdeckten Wirkprinzip der Verstärkung der Nervenbotenstoffe (Serotonin, Noradrenalin, Dopamin). Lange dachte man, dass die Wirkung der Antidepressiva lediglich auf der Erhöhung der Konzentration dieser Botenstoffe (Neurotransmitter) beruht. Heute weiss man jedoch, dass es die Normalisierung der Stresshormonaktivität ist. Zu den Medikamenten zählen z.B. so genannte trizyklische Antidepressiva, reversible und irreversible Monoamin-Oxidase-Hemmer (MAO-Hemmer), Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (NaSSA), selektive Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (NDRI) und andere.

Auch das bei leichten bis mittelschweren depressiven Erkrankungen wirksame pflanzliche Heilmittel Johanniskraut (Hypericum perforatum) wirkt unter anderem über die Beeinflussung von Serotonin und Noradrenalin und somit teilweise auch als Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). Um Misserfolgen vorzubeugen, ist hier die Wahl des richtigen Präparates sehr wichtig, da alle pflanzlichen Heilmittel eine starke Bandbreite ihrer Zusammensetzung und Inhaltsstoffe aufweisen. Da darüber hinaus die individuell richtige Dosierung ausschlaggebend ist und es zu ungünstigen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen kann, sollte auch die pflanzliche Behandlung immer von einem Arzt mit entsprechender Expertise begleitet werden.

Um Zeitverluste durch unnötige und vorschnelle Medikamentenwechsel möglichst zu vermeiden, muss beachtet werden, dass die antidepressive Wirkung in der Regel erst nach zwei bis vier Wochen eintritt, so dass ein Wechsel des verordneten Präparates frühestens nach ausreichender Dosierung und nach vier Wochen erfolgen sollte. Bei ausbleibendem Erfolg sollte zunächst der Wechsel auf ein anderes Antidepressivum oder die Hochdosierung des bislang verabreichten Medikamentes erwogen werden. Alternativ kann eine so genannte „Augmentationstrategie“, d.h. die Hinzugabe einer alleine nicht antidepressiv wirksamen Substanz, zur Verstärkung des eigentlichen Antidepressivums erfolgen. Die beste Wirksamkeit hat hierbei unverändert der Stimmungsstabilisator Lithium – diese Substanz weist zudem eine nachgewiesene antisuizidale Wirkung auf, d.h. sie vermindert Suizidgedanken und Selbtstötungsabsichten. Weitere Augmentationsmöglichkeiten liegen z.B. im Einsatz von gut verträglichen modernen Antipsychotika. Diese Therapien sollten mit der Expertise des erfahrenen Facharztes durchgeführt werden.

Trotz zahlreicher Forschungsanstrengungen ist noch immer weitgehend unklar, welches Antidepressivum im Einzelfall den besten Erfolg bietet. Neben den bisherigen Erfahrungen des Patienten und des Behandlers sind jedoch mögliche Nebenwirkungen (z.B. in seltenen Fällen Gewichtszunahme, sexuelle Funktionsstörungen, Nervosität u.a.), die Behandlungsvorgeschichte sowie die individuellen Symptome der aktuellen Erkrankungsepisode für die Wahl des antidepressiven Medikamentes bedeutsam. Stehen beispielsweise Symptome wie Schlafstörungen, Unruhe, Nervosität, Angst oder Suizidalität im Vordergrund, sind sedierende (d.h. beruhigende) Antidepressiva, gegebenenfalls in vorübergehender Kombination mit einem Benzodiazepin, erste Wahl. Bei Schlafstörungen ist von Vorteil, dass Antidepressiva – im Gegensatz zu klassischen Schlafmitteln – die durch die Depression gestörte Schlafarchitektur wieder normalisieren und so einen erholsamen Schlaf herbeiführen.

Antidepressiva erhöhen das Suizidrisiko nicht. Die Pharmakotherapie kann jedoch in Einzelfällen suizidale Gedanken und Handlungen in der Frühphase der Behandlung eventuell verschlimmern, da sie zu diesem Zeitpunkt vor Einsetzen der antidepressiven Wirkung durch die Stimulation des Nervenstoffwechsels Nervosität und Aktivierung hervorrufen kann. Dies unterstreicht die bei der Depression ohnehin gegebene Notwendigkeit der engmaschigen Behandlung und Begleitung der Patienten sowie die sorgfältige Prüfung der Notwendigkeit einer vorübergehenden Verordnung von Benzodiazepinen. Solche Nebenwirkungen können häufig auch durch pflanzliche Präparate (Phytotherapeutika) gemildert oder beseitigt werden. Wirksam sind hier zum Beispiel Passionsblumenkraut, Baldrianwurzel, Pestwurzwurzel und Melissenblätter. Die robuste Evidenz für die Wirksamkeit richtig verordneter und dosierter Antidepressiva bei mässiger bis schwerer Depression sowie die Tatsache, dass die meisten Suizidversuche und Suizide auf eine fehlende oder unzureichende Therapie zurückzuführen sind, unterstreichen die Notwendigkeit einer sorgfältigen Behandlung.