Nervenstoffwechsel

Alle unsere Gedanken und Gefühle beruhen auf der Aktivität unserer Nervenzellen. Wenn eine Nervenzelle aktiv ist, wird der Impuls elektrisch entlang der Nervenfaser bis zu den Nervenendigungen und Kontaktstellen zu anderen Nervenzellen geleitet. Diese Kontaktstellen, die den Spalt zwischen zwei Nervenzellen beschreiben, nennt man Synapsen. Diesen Spalt kann ein elektrischer Impuls nicht überspringen. Er wird daher durch chemische Botenstoffe, die Neurotransmitter, überbrückt. Diese werden von der ersten Nervenzelle produziert und in den Synapsen-Spalt ausgeschüttet. Die Neurotransmitter lagern sich dann an der zweiten, nachfolgenden Nervenzelle an bestimmten Andockstellen, den Rezeptoren, an. Über diese Rezeptoren lösen sie bei der nächsten Nervenzelle wieder einen elektrischen Impuls oder andere Veränderungen aus. So geben sie die Aktivität weiter. Solche für die Entstehung der Depression wichtigen Botenstoffe sind beispielsweise das Serotonin, das Noradrenalin und das Dopamin.

Die Depression kann sowohl von der körperlichen, biologischen Seite als auch von der psychischen und psychosozialen Seite her entstehen und behandelt werden. Alle diese Ursachen, seien sie nun angeboren oder durch die Umwelt (zum Beispiel Belastungen in Beruf und Familie) bedingt, können zu chronischem Stress und zur pathologischen Überaktivität des Stresshormonsystems führen. Folge dieser Überaktivität ist eine Störung des Nervenzellstoffwechsels.

Stress, Gehirn und Psyche – ein Beispiel
Erst seit kurzem ist klar, dass unser Gehirn bis ins hohe Erwachsenenalter noch neue und funktionstüchtige Nervenzellen bilden kann (Abbildung unten). Diese Nervenzellneubildung (Neurogenese) spielt vermutlich eine grosse Rolle bei der Entstehung einiger psychischer Erkrankungen, vor allem dann, wenn sie nicht mehr funktioniert. Chronischer Stress trägt wesentlich dazu bei, dass die Nervenzellneubildung in wichtigen Hirnregionen zurückgeht bzw. eingestellt wird. Interessanterweise sind dies Hirnregionen, die für die Regulation unserer Gefühle zuständig sind. Man nennt dies das limbische System. Die Vermutung liegt nahe, dass die Stress-Depression zumindest zu einem Teil zu einer verminderten Nervenzellneubildung führt. Dies führt wiederum zu den typischen Symptomen, wie beispielsweise Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Leeregefühl und niedergedrückte Stimmung. Wie wir durch Forschung wissen, kann die Nervenzellneubildung glücklicherweise auf verschiedene Art und Weise bis ins hohe Lebensalter wieder therapeutisch angeregt werden:

  • Moderater Ausdauersport (zum Beispiel Jogging, Schwimmen, Velofahren, Nordic Walking)
  • Geistige Aktivität (zum Beispiel Psychotherapie, Lernen neuer Dinge)
  • Stressverminderung (zum Beispiel Stressbewältigungstraining, Biofeedback)
  • Antidepressiva: Alle modernen Antidepressiva erhöhen die Nervenzellneubildung auf doppelte Weise. Zum einen, weil sie die Stresshormonüberaktivität wieder normalisieren, zum anderen durch eine direkte Stimulation der Nervenzellen.

 

Bei starker Vergrösserung unter dem Mikroskop sieht man orange die neu gebildeten Nervenzellen in der Hirnregion Hippokampus (limbisches System). Der gelbe Strich umfasst 10 μm (1 μm = 1/1000 mm).