Auf die Seele achten

Heute ist der internationale Tag der psychischen Gesundheit. Wir fragen Prof. Dr. med. Edith Holsboer-Trachsler, Präsidentin der SGAD und Extraordinaria für klinische Stress- und Traumaforschung; Universitäre Psychiatrische Kliniken (UPK), Basel was es mit der psychischen Gesundheit auf sich hat.

Frau Professor Holsboer-Trachsler, was ist psychisch gesund?

EH: Psychisch gesund sein heisst, dass man seinen Alltag, seine Arbeit und die normalen Lebensbelastungen meistern, seine Fähigkeiten ausschöpfen und mit seinem Mitmenschen interagieren kann. Aber Sie sehen, das ist eine Gratwanderung, denn wir alle kennen Momente, in denen es schwierig ist, produktiv zu arbeiten, die Belastungen zu bewältigen oder sich mit anderen auszutauschen. Doch das heisst nicht, dass man krank ist. Die Grenze zwischen gesund und krank ist fliessend und von Mensch zu Mensch verschieden. Letztendlich entscheidet die Balance zwischen Ressourcen und Schutzfaktoren einerseits sowie Belastungen und Risikofaktoren andererseits darüber, ob wir psychisch gesund oder krank sind.

Was können wir tun, um psychisch gesund zu bleiben?

EH: Ressourcen und Schutzfaktoren helfen uns gesund zu bleiben, während Belastungen und Risikofaktoren die Waagschale Richtung kranksein senken. Alle diese Faktoren werden von körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Aspekten beeinflusst. So ist verständlich, dass ein körperlich gesunder, ausgeglichener und kontaktfreudiger Mensch mit gutem Selbstvertrauen und hoher Frustrationstoleranz, in stabiler Beziehung und einem befriedigenden Job gut gerüstet ist, um psychisch gesund zu bleiben. Andererseits sind Situationen mit finanziellen Schwierigkeiten, Stress am Arbeitsplatz, Verlust eines geliebten Menschen und Einsamkeit gepaart mit einer familiären Vorbelastung und einer angeborenen Zurückhaltung gegenüber anderen Menschen Faktoren, welche die psychische Gesundheit stark belasten.

Es gilt also, die positiven Faktoren soweit möglich zu fördern und die negativen zu reduzieren. Das tönt nach einem einfachen Rezept, ist es aber nicht. Viele dieser Faktoren, können wir gar nicht beeinflussen. Umso wichtiger ist es, dass wir achtsam sind und unsere psychische Gesundheit pflegen.

Wie können wir unsere psychische Gesundheit pflegen?

EH: Stress im Alltag oder bei der Arbeit und Herausforderungen durch Krankheit, Verlust oder andere schmerzhafte Erfahrungen sind Teil unseres Lebens und unvermeidbar. Deshalb sollten wir wenn immer möglich, Gutes für unsere Seele tun. Wichtig ist ein soziales Netzwerk. Freunde stützen uns auch in schwierigeren Zeiten und sie ermöglichen uns, über unsere Probleme zu reden. Dann ist es wichtig, sich auch zu entspannen und eine Pause zu gönnen. Es muss nicht immer alles sofort erledigt sein, auch nicht immer 100% perfekt. Und aktiv bleiben, immer wieder Neues lernen, seiner Kreativität freien Lauf lassen und sich bewegen, bewegen, bewegen. Dies hält uns gesund. Aber wichtig ist auch, Hilfe zu holen, wenn sie benötigt wird und sich nicht aufgeben.

Und wenn man trotzdem krank wird?

EH: Jeder zweite Mensch in der Schweiz leidet im Laufe seines Lebens einmal an einer ernsthaften psychischen Erkrankung. Psychische Erkrankungen können jeden treffen und – ganz wichtig – sie sind nicht selbstverschuldet. Es ist deshalb auch keine Schande oder ein Grund sich zu schämen, wenn man psychisch krank wird. Ich kann nur jedem in dieser Situation raten, sich über psychische Krankheiten zu informieren und Hilfe zu suchen. Am Einfachsten spricht man seinen Hausarzt an. Psychische Erkrankungen sind gut behandelbar und oft auch heilbar, aber sie sollten möglichst früh von einer spezialisierten Fachperson behandelt werden.